Quellen, historische Vorbilder

Historisches Vorbild für den Büchnerschen Woyzeck ist der am 3. Januar 1780 in Leipzig als Sohn eines Perückenmachers geborene Johann Christian Woyzeck. Aus Eifersucht erstach er am 21. Juni 1821 die 46-jährige Witwe Johanna Christiane Woost in einem Hausflur in der Leipziger Sandgasse. Im Prozess erstellte der Medizinprofessor Johann Christian August Clarus zwei Gutachten über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten. Woyzeck wurde nach einem langen Verfahren, in dem sich sogar der sächsische Thronfolger mit einem Gutachten für ihn einsetzte, verurteilt und am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig öffentlich hingerichtet. Diese historische Vorlage ist in jüngerer Zeit editorisch umfangreich bearbeitet worden.[1] So sind heute alle den historischen Woyzeck betreffenden Urteile und Gutachten im Volltext zugänglich und sowohl rechts- als auch psychiatriehistorisch ausgewertet.

Clarus’ Gutachten mit dem Titel Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders J. C. Woyzeck, nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen erschien in dem Fachblatt Henkes Zeitschrift für die Staatsarzneikunde. Büchners Vater hatte die Zeitschrift abonniert und veröffentlichte darin selbst Fälle aus seiner Praxis als Arzt.

Aus dieser Zeitschrift hat Georg Büchner wahrscheinlich auch Informationen über den Tabakspinnergesellen Daniel Schmolling, der am 25. September 1817 seine Geliebte Henriette Lehne in der Hasenheide bei Berlin umbrachte, und über den Leinenwebergesellen Johann Dieß, der am 15. August 1830 seine Geliebte Elisabeth Reuter in der Nähe von Darmstadt erstach.

Eine neuere Quelle[2] weist auf eine weitere Vorlage hin: Am 15. April 1816 ermordete der Schustergeselle Johann Philipp Schneider, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte, den Druckereigesellen Bernhard Lebrecht vor dem Rheintor in Darmstadt. Anschließend reinigte er Hände und Gesicht am Bessunger Tor in Darmstadt und wusch seine Kleider im Großen Woog, einem am Rand der Innenstadt von Darmstadt gelegenen See. Nach der Tat erholte sich Schneider in einem Wirtshaus. Ein Barbier fand Lebrechts Leiche und verständigte die Polizei. Schneider wurde anhand der Mordwaffe überführt, verurteilt und hingerichtet. Parallelen zu Büchners Drama sind offensichtlich. Als Separatdruck wurde dieser Fall 1816 vom Stabs-Auditeur Friedrich Schenk veröffentlicht und vom Darmstädter Hofgerichts-Advokat Philipp Bopp 1834 in einen Sammelband ausgewählter Fälle aufgenommen. Es lässt sich nicht nachweisen, dass Büchner die Veröffentlichung kannte, doch könnte er Bopp über gemeinsame Bekannte aus dem Kreis radikaler Demokraten in Darmstadt begegnet sein.

Eine weitere historische Begebenheit wurde mit den „Erbsbrei-Experimenten“ des Gießener Wissenschaftlers Justus von Liebig in das Drama eingearbeitet. Um herauszufinden, ob man Militär und Proletariat nicht mit eiweißreichen Hülsenfrüchten günstiger verköstigen könne, mussten Soldaten bei diesen Menschenversuchen drei Monate lang ausschließlich Erbsbrei essen. Die Probanden litten bald unter Halluzinationen, verloren die Kontrolle über ihre Muskeln einschließlich des Schließmuskels und des Harndrangs. Die neurologischen Krankheitssymptome, die Woyzeck beim einseitigen Erbsenessen entwickelte, sind dabei tatsächlich die Folgen einer Vergiftung mit einem Übermaß an nichtproteinogenen Aminosäuren. In Anbauländern wie Bangladesch oder Äthiopien kommt es noch heute zu solchen Vergiftungserscheinungen bei armen Leuten, die sich nur einseitige Kost leisten können.[3]

Sprache

Im Gegensatz zur Sprache des klassischen Dramas herrscht im Woyzeck die Umgangssprache vor: „WOYZECK: Aber mit der Natur ist’s was anders, sehn Sie; mit der Natur, das ist so was, wie soll ich doch sagen, zum Beispiel …“ – Durch bewusst eingebaute Satzbrüche, Ellipsen und Interjektionen vermittelt Büchner Authentizität. Gleichzeitig dient diese Form der Umgangssprache als Spannung steigerndes Mittel. Das Aneinandervorbeireden der Menschen versinnbildlicht die Einsamkeit Woyzecks und seine zerbrechende Beziehung zu Marie. Darüber hinaus gelingt es Büchner, durch verschiedene Sprachebenen den gesellschaftlichen Rang der Sprecher anzudeuten. Der Doktor spricht hochsprachlich, während die Sprache Woyzecks und Maries, die den untersten Gesellschaftsschichten angehören, dialektgefärbt und fehlerhaft ist.

Die sozial Höherstehenden sprechen zwar meistens grammatikalisch korrekter, ergehen sich aber häufig in hohlen Phrasen (z. B. der Doktor: … der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit, 8. Szene) oder formulieren vage und unpräzise in Form von Tautologien (z. B. der Hauptmann: Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er! 5. Szene). Woyzeck dagegen äußert sich, wenn er einmal den Mut fasst und aus sich herausgeht, sehr konkret und anschaulich. Durch zahlreiche Metaphern entsteht der Eindruck, dass er nicht in logischen Begriffen, sondern ausschließlich in Bildern denkt (z. B. Über der Stadt is alles Glut! Ein Feuer fährt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen, 1. Szene; … der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde, 5. Szene; … so ein schöner, fester, grauer Himmel; man könnte Lust bekommen, ein’ Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen, 9. Szene; Wenn man kalt is, so friert man nicht mehr. Du wirst vom Morgentau nicht frieren, 20. Szene; Nein, keine Schuh, man kann auch ohne Schuh in die Höll gehn, 22. Szene). Und das überaus anschauliche, poetisch anmutende „Märchen“ (19. Szene) wird von der Großmutter erzählt, die ebenfalls der Unterschicht angehört.

Auch die Bezeichnungen der Rollen sind aussagekräftig: Viele Personen, die der unteren Gesellschaftsschicht entstammen (Woyzeck, sein Stubenkamerad Andres, Marie, das Mädchen Käthe, Maries Nachbarin Margreth und der Narr Karl) wurden vom Autor mit Namen versehen und erscheinen, obwohl nur skizzenhaft gezeichnet, als Charaktere, zum Teil sogar als Identifikationsfiguren. Die meisten übrigen Rollen dagegen sind lediglich nach ihren beruflichen bzw. sozialen Funktionen benannt: „Tambourmajor“, „Hauptmann“, „Doktor“, aber auch „Großmutter“, „Budenbesitzer“, „Jude“ u. a. Ihre Rollen sind oft flacher und eindimensionaler, sie scheinen daher eher Typen als Charaktere zu sein.

Auffallend und oft rätselhaft sind die literarischen Bezüge des Dramenfragments: die zahlreichen Anspielungen auf die Bibel, auf Goethes Faust (19. Szene, Entwurfsstufe 1, Louis: Was hast du eine rote Schnur um den Hals), auf Shakespeares Hamlet (1. Szene: der rollende Kopf, der Igel und der hohle Boden unter den Füßen verweisen auf die Friedhofs- und die Geistszene) und nicht zuletzt auf Büchners eigene Werke (Dantons Tod und Lenz).[6]

Büchner beschreibt hier die Deformation eines Menschen zum animalischen Wesen, weil ihm Besitz, soziale Anerkennung und lebensnotwendiges Geld fehlen. Der Tambourmajor hat ihn aus dem einzigen noch vorhandenen Umfeld, in dem er noch Mensch sein konnte, verdrängt. „Viehische Vernunft, wildes Tier, der Affe als Soldat, das pissende Pferd, ein thierischer Mensch“ spiegeln all diese Deformationen wider.[7]

Woyzecks Motive

Bemerkenswert ist, dass das Drama verschiedene Mordmotive Woyzecks anbietet, die je nach Ausgabe und Abfolge der Szenen unterschiedlich gewichtet werden:

Der Kern des Dramas